Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden

Der Jubel der Engel, das Gloria, ein Bestandteil aller christlichen Liturgien, ist Thema des heutigen Konzerts mit Werken von John Rutter und Giacomo Puccini. Es wird von Komponisten stets ganz besonders strahlend und fröhlich vertont. Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe: So jubeln die Engel in der Weihnachtsnacht über Christi Geburt. 

Diesen Jubel hören wir immer wieder deutlich bei John Rutter (*1945). Er war mit der Liturgie und der Musik der Anglikanischen Kirche als Chorknabe bereits von Kind an bestens vertraut. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich nach seinem Musikstudium in Cambridge aufgrund seiner großen Erfahrung als Chorsänger auf die Komposition von Chormusik konzentrierte und damit weltweit bekannt wurde. Rutters Kompositionen sind voller fröhlicher leichtfüßiger Rhythmen, stets sanglich und effektvoll. In seiner Musik finden sich Elemente der englischen Chortradition ebenso wieder wie Elemente des Jazz und des Musicals. 

Sein Gloria entstand 1974 als Auftragswerk für ein Konzert eines amerikanischen Chors in Nebraska/USA. Rutter vertont hierfür das Gloria als ein eigenständiges Werk für den Konzertsaal, losgelöst von den übrigen Teilen der Messe. Mit diesem Werk wurde er in den USA schlagartig bekannt. Er vereint darin gekonnt markante Rhythmen mit Melodien der europäischen Kirchenmusik (Gregorianik) und mit vom Chor gesungenem tonleiterartigem Glockengeläut englischer Kirchen. Die Uraufführung in der Fassung für Chor, Blechbläserensemble, Orgel und Schlagzeug leitete er 1974 selbst. 1988 überarbeitete Rutter das Werk noch einmal für Chor und Orchester, also in die Fassung, die wir heute hören. 

Rutters Gloria gliedert sich in drei Sätze: in ein jubilierendes Allegro vivace, ein meditatives Andante und ein furioses Vivace e ritmico, in dem am Ende das Gloria-Thema des ersten Satzes von Chor und vom Orchester in majestätisch langsamerem Tempo wieder aufgegriffen wird. Das Werk endet in einem mitreißenden klangvollen Amen.

Giacomo Puccini (1858-1924) ist uns hingegen hauptsächlich durch seine Opern bekannt. Dass er auch geistliche Musik schrieb, war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Dabei wäre für ihn eigentlich auch eine Laufbahn als Kirchenmusiker und Komponist geistlicher Werke vorgezeichnet gewesen. Er erhielt zunächst von seinem Onkel in Lucca/Toskana eine erste musikalische Ausbildung, wurde Chorknabe und verdiente sich schon mit 14 Jahren regelmäßig ein Zubrot als Organist. Während seines Kirchenmusikstudiums am Istituto Musicale Pacini in Lucca entstand sein Credo als eigenständiges Werk, das dort 1878 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Als Abschlussarbeit dieses Studiums vertonte er 1880 dann unter Verwendung des zuvor komponierten Credo den gesamten Messtext. Vier Generationen seiner Familie vor ihm waren bereits erfolgreiche Stadtorganisten und Maestri di cappella in Lucca gewesen. Der Name Puccini war dort ein Markenzeichen für gute Kirchenmusik. Die Stelle des Kirchenmusikers wäre ihm also sicher gewesen. Aber der 20-jährige Puccini wollte seinen eigenen Weg gehen. 

Er hatte Partituren von Verdis Opern gesehen, die ihn so faszinierten, dass er der Komposition geistlicher Werke völlig den Rücken kehrte. Nach seinem Studium am Konservatorium von Mailand komponierte er nur noch Opern. Trotz der Aufbruchsstimmung, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte und die z.B. die abstrakte Malerei und Zwölftonmusik hervorbrachte, blieb er bis zu seinem Tod in seinen Opern der tonalen melodienreichen Musik treu und wurde damit ungeheuer erfolgreich und sehr reich. Er war passionierter Autofahrer, Immobilienbesitzer, Kettenraucher und skandalumwitterter Liebling der Frauen. Reisen führten ihn in die ganze Welt, aber die Toskana blieb immer sein Lebensmittelpunkt. 1924 starb er fern der Heimat in einem Brüsseler Krankenhaus nach einer misslungenen Kehlkopfkrebsbehandlung. Die Trauerrede im Mailänder Dom hielt damals übrigens Benito Mussolini.

Die Messa a 4 voci con orchestra blieb Puccinis einziges bedeutendes geistliches Werk. Aber sein Talent, wunderschöne Melodien zu komponieren, sind bei dem jungen Puccini in dieser Messe schon deutlich erkennbar. Den lateinischen Text überhöht er gekonnt durch Musik. Es wird vermutet, dass Puccini das Werk nach der Uraufführung absichtlich in die Schublade steckte, um als Opernkomponist erfolgreich werden zu können. So konnte er Teile des Kyrie in seiner Oper Edgar (Choralgebet) und Teile des Agnus Dei in seiner Oper Manon Lescaut (Madrigal) wiederverwenden, ohne dass dies damals jemand erkannte. Die Messe geriet zu Unrecht in Vergessenheit und wurde erst 1952 nach 72 Jahren in Chicago wiederaufgeführt. 

Das Werk beginnt mit einem zarten Orchestervorspiel zu einem motettischen, geradezu demütigen Kyrie des Chors. Wegen des melodienreichen und jubelnden Glorias erhielt die Messe erst damals bei ihrer Wiederaufführung den Namen Messa di Gloria. Mit 531 Takten ist dieses Gloria am ausführlichsten durchkomponiert und setzt den Text wie in einer Oper in Szene. Der strenge kontrapunktische Satz des Credo hingegen beweist, wie gut der junge Komponist auch diese Kompositionstechnik bereits beherrschte. Das abschließende Agnus Dei ist vergleichsweise kurz. Im tänzerischen, elegant schwebenden 3/4 Takt flehen Solisten und Chor am Schluss gemeinsam und sehr zuversichtlich: Dona nobis pacem – Verleih uns Frieden. 

Eine Bitte um Frieden, wie ihn die Engel in der Weihnachtsnacht prophezeien?

Dagmar Scherschmidt

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