Volker Bräutigam - Evangelienmusik

Evangelienmusik zur Markuspassion von J.S. Bach
 

Einführung zum Konzert am 24. März 1996
- Erstaufführung in München - 

Meine Evangelienmusik zu Bachs Markus-Passion ist ein Versuch, jenem Werk den mit den Rezitativen und Turbae-Chören  verlorenen Text - und damit Sinnzusammenhang mit musikalischen Mitteln wiederzugeben, so dass die rekonstruierten Stücke ihre eigentliche Bedeutung, ihren dramaturgischen, theologischen und musikalischen Stellenwert zurückerhalten. 

Aufführungen mit gesprochenem Bibeltext oder ohne diesen als Kantate, ganz zu schweigen von dem künstlerisch unvertretbaren Versuch, eine musikalische Ergänzung im „Bachstil“ vorzunehmen, hat mich nicht überzeugt. Für mich stand fest, dass Bachs Markus-Passion nur mit konträren Stilmitteln ergänzt werden konnte, was auch in der separaten Aufstellung des Evangelien-Ensembles zum sichtbaren Ausdruck kommt. Einerseits sollten diese Stilmittel zeitgenössisch sein, andererseits durfte die Tonalität nicht zur Gänze aufgegeben werden, und das nicht nur, weil ich eine Affinität zu tonalem Musizieren habe  oder  damit der materielle Zusammenhang mit Bach bestehen bleibt. Die vorgegebene Form des Rezitativs, die ich ja erfüllen wollte, braucht die Tonalität um der Kadenz willen.

Ein unreflektiertes rezitatives Entlangkomponieren am Text schied ob dessen enormer Länge sofort aus. Es musste eine übergeordnete Form beziehungsweise ein Strukturmaterial  gefunden werden, das bei seiner Organisierung die Möglichkeit zur Raffung, Verobjektivierung, zur Bildung von Formabläufen gibt, das aber auch trotz aller angestrebten Strenge Freiheit lässt für Illustration (die ich mir allerdings wesentlich seltener leiste als Bach in seinen Rezitativen; das hätte in diesem Zusammenhang zu einer Reihung von Episoden geführt).

So sah ich neben dem Vorbild des Bachschen Rezitativs auch noch der Schütz-Passion bzw. gregorianischer Modelle.

Ich legte meiner Komposition eine Zwölftonreihe zu Grunde, die all das enthält, was ich für mein Vorhaben brauchte: melodische Floskeln des liturgischen Sprechgesanges, eine Anzahl untereinander verwandter Klänge, mehrere Tonikalisierungszentren, Symetrieelementen. Im Wesentlichen ist  meine Musik eine Art Psalmodie, deren Formelhaftigkeit auch den Orgelpart ergreift. Das Formelhafte wird aber nicht stereotyp wiederholt, sondern unterliegt der kompositorischen Bearbeitung (hier konsequent durch Zwoelftontechnik, obwohl das Werk natürlich keine „Zwölftonmusik“ ist). Es wird verlassen bei den Christusworten sowie bei besonderen Zuspitzungen des dramatische Geschehens.

Ganz sicher wird die Konfrontation zweier gänzlich unterschiedlicher Stile keine ungeteilte Zustimmung erwarten dürfen.

In jedem Fall aber führt sie zum hinhören! Entlassen aus der bei Bach üblichen Hörerwartung, vernimmt man die Worte des Passionsberichtes wieder neu. 

                   Volker Bräutigam

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