Johann Sebastian Bach - Markuspassion

 mit Evangelienmusik von Volker Bräutigam (*1939)


Einführung zum Konzert am 13. März 2005

In der Zeit der Aristokratie, wo, fernab von bürgerlicher Musikkultur und Geniekult, noch keine geschäftstüchtigen Verleger den Komponisten ihre Werke aus der Hand rissen und für ihre möglichst große Verbreitung sorgten, wurde Musik durchaus funktional als Ware zum einmaligen Gebrauch verstanden, so daß die Partituren nach den wenigen, oft nur singulären Aufführungen in verstaubten Archiven verschwanden und meist schnell in Vergessenheit gerieten. (Die Zäsur dieser Zeitenwende wäre also mit der Französischen Revolution, etwa zeitgleich mit Beethoven anzusetzen.)

Nur so ist der Verlust der 1731 aufgeführten Marcus-Passion erklärbar, von deren Existenz Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel und sein Schüler J. F. Agricola berichten, und deren Partitur noch 1764, also 14 Jahre nach Bachs Tod, dem Verlagshaus Breitkopf nachweislich vorlag. Lediglich der von Picander, dem Dichter der Matthäuspassion und des Weihnachtsoratoriums, verfaßte und 1732 gesondert veröffentlichte Text ist erhalten geblieben.

U.a. aufgrund von Textgleichheit mit Stücken aus anderen Werken Bachs (etwa mit der Trauerode BWV 198) konnte jedoch die Musik von Eingangs- und Schlußchor, sowie einiger Arien rekonstruiert werden - die mehrmalige Verwendung eines Stückes entsprach durchaus zeittypischer Praxis, der sich etwa auch Händel bediente. Auch die Choralsätze wurden nach der von C. Ph. E. Bach besorgten Ausgabe der Choralbearbeitungen seines Vaters (1784/87) wieder hergestellt.

1981 übernahm der Komponist Volker Bräutigam die heikle Aufgabe, die von Bach komponierten, unwiederbringlich verlorenen Evangelienberichte neu zu vertonen, um so eine durchgehend musikalische Darstellung des Marcustextes zu ermöglichen. Freilich konnte es ihm dabei nicht um den Versuch einer bloßen Nachahmung der bachschen Musiksprache gehen, da jede Imitation notwendigerweise hinter dem Original zurückbleiben muß. Bräutigams Rezitative sind im zeitgenössischen, persönlich gefärbten Stil gehalten, nehmen aber durchaus Elemente der Bachschen Rezitativbehandlung mit auf.

Das heterogene Erscheinungsbild des Endergebnisses mag zur Frage nach der Berechtigung eines solchen Verfahrens führen. 
Hierzu sei folgendes gesagt:

1. Die Einschübe Bräutigams ermöglichen die geschlossene Aufführung von Bachschen Werken ersten Ranges, welche sonst so gut wie nie auf den Konzertprogrammen zu finden sind.

2. Dies ist umso verdienstvoller, als die Marcus-Passion eine interessante Bereicherung des bedauerlicherweise recht schmalen Repertoires des gängigen Konzertbetriebes darstellt.

3. Der dramatische, espressive Passionstext gestattet den vorliegenden Stilpluralismus eher als etwa eine lyrisch-epische Vorlage. Für den unvoreingenommenen, aufgeschlossenen Hörer kann die Darstellung der Marcus-Passion in dieser Form zu einem reizvollen, erregenden Hörerlebnis werden. 

                    Thomas Krehahn            

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