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Einführung Johannespassion 2016

Es gibt viele Möglichkeiten, sich Bachs Johannespassion zu nähern: Wir kennen Aufführungen der Johannespassion in riesigen Konzertsälen, als Film inszeniert, getanzt oder wie eine Oper szenisch aufgeführt. Namhafte Musikwissenschaftler haben akribisch die vier verschiedenen Versionen dieser Bach-Passion miteinander verglichen, haben auf die Entsprechungen von Chorälen und Turba-Chören hingewiesen, mathematisches Denken und „Zahlensymbolik“ gefunden und diskutiert, wo der Höhepunkt der Passion zu sehen sei.

Das Faszinierende an Bachs Johannespassion ist, dass man auch ohne „Inszenierung“ oder Hintergrundwissen einfach nur ganz still zuhören kann, um die Botschaft zu verstehen.

Bis ins 4. Jahrhundert geht die Tradition zurück, am Karfreitag die Passionsgeschichte nach einem der Evangelisten im Gottesdienst mit verteilten Rollen zu lesen oder zu singen. Später wurden Versdichtungen, z.B. Kirchenlieder (d.h. Choräle), und Arien hinzugefügt. Da es sich um einen Gottesdienst handelte, war stets die Predigt zentraler Mittelpunkt. Die Gemeinde sang die allseits bekannten Choräle mit. Überliefert sind Gesangbücher aus Bachs Zeit, in denen einfache vierstimmige Choräle abgedruckt sind. Die Gemeinde blieb in diesem ausgesprochen langen (Predigt)Gottesdienst also nicht passiver Zuhörer, sondern war aktiv beteiligt. Bach konnte mit seiner Komposition deshalb auf eine lange Tradition zurückgreifen und diese weiterentwickeln: Die früher entstandenen Passionen z.B. von Heinrich Schütz oder Reinhard Keiser waren ihm bestens bekannt.

Bach komponierte die Johannespassion für den nachmittäglichen Gottesdienst am Karfreitag 1724 und vertonte die Kapitel 18 und 19 des Johannes-Evangeliums vollständig. Er ergänzte diesen Text durch zwei Episoden aus dem Matthäus-Evangelium (die Reue Petrus und das Erdbeben nach Jesu Tod, die im Johannes-Evangelium nicht beschrieben werden) und durch Versdichtungen (Arien und Ariosi) und Kirchenlieder (Choräle). Wie wichtig ihm die Ausdeutung der Bibelzitate durch Musik war, geht aus einem eigenhändigen Eintrag in seiner Bibel hervor: „Bey einer andächtigen Musique ist Gott allezeit mit seiner Gnaden Gegenwart“.

Es würde den Rahmen dieser kurzen Einführung sprengen, wollte man auf alle Feinheiten der Komposition eingehen. Exemplarisch sei aber auf einige besonders eindrucksvolle Stellen hingewiesen.




Die „Sinfonia“ des Eingangschors versetzt uns vom ersten Takt an in die gespannte, fast unheimliche Atmosphäre der Passionsgeschichte: Über einem beharrlich pochenden Bass und der unruhigen Wellenfigur in den Streichern ertönen fahle dissonante Haltetöne der Bläser. Der Chor setzt mit dem dreimaligen Ausruf „Herr“ wie mit einem Aufschrei ein. Wie in einem Kriminalfilm wird hier musikalisch eine ausgesprochen bedrohliche Atmosphäre geschaffen, die uns auf das nahende Unheil vorbereitet.

Jesu letzte Worte „Es ist vollbracht“ vertont Bach mit einer ganz schlichten absteigenden Tonleiter, die dann in der folgenden Arie zunächst von der Solo-Gambe und dann von der Altistin aufgenommen wird. Diese Alt-Arie gehört zum Ungewöhnlichsten, was Bach komponiert hat: die sehr meditative Musik wird jäh unterbrochen durch den Ausruf „Der Held aus Juda siegt mit Macht“, um dann ganz verhalten zu der schlichten Tonleiter und zu Jesu letzten Worten zurückzukehren. Der Evangelist berichtet danach nur noch fast tonlos „Und neigte sein Haupt und verschied“.

Die darauf folgende Bass-Arie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen … Bin ich vom Sterben freigemacht?“ erklingt im tänzerisch freudigen Dreiertakt. Wenn Bach Texte über Tod und Sterben vertont, verwendet er häufig diesen Tanzrhythmus. In dieser Arie „unterbricht“ die Gemeinde jedoch den Bass-Solisten (der ursprünglich auch die Jesus-Partie sang) mit dem Choral „Jesu, der du warest tot, Lebest nun ohn’ Ende“. Ein Blick in Bachs Partitur zeigt, dass der Solist und die Continuo-Gruppe im 12/8 Takt „tanzen“, während die Gemeinde dazu gleichzeitig „statisch“ im 4/4 Takt singt. Die Gemeinde der Gläubigen vermag noch nicht zu tanzen, sondern lediglich das Sterben und die Auferstehung im schreitenden feierlichen Choralrhythmus zu kommentieren.

Der Schlusschor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ ist dem Eingangschor motivisch verwandt. Eigentlich hätte die Johannespassion mit diesem ruhigen Chor enden können. Aber Bach fügt noch einen Choral an. Auch hier, wie im Eingangschor, wird Gott direkt angerufen: „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“. Mit diesem Choral verharrt die Passion also nicht beim Sterben. Die schlichte Bitte der Choralzeile „Alsdann vom Tod erwecke mich, lass meine Augen sehen dich“ ist der tröstliche Ausblick auf das Ostergeschehen.

Friedrich Nietzsche, der die Existenz Gottes Zeit seines Lebens angezweifelt hat, soll einmal nach dem Hören einer Bach’schen Passion gesagt haben:
„…Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium."

Dagmar Scherschmidt

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