Ludwig van Beethoven - Messe C-Dur


Einführung zum Konzert am 24. Oktober 2004

Das Hauptwerk des heutigen Konzerts ist die Messe in C-Dur, op. 86 von Ludwig van Beethoven. Damit führt der Paul-Gerhardt-Chor zum ersten mal ein Chorwerk dieses Komponisten auf und würdigt so nach Haydn und Mozart den dritten Meister der musikalischen Wiener Klassik.

Am Anfang erklingt von Felix Mendelssohn Bartholdy der 42. Psalm, op.42 und damit auch ein Werk des neben Robert Schumann wichtigsten Vertreters der musikalischen Hochromantik. Mendelssohn wuchs in Berlin auf; hier war Carl Friedrich Zelter sein Hauptlehrer in der Musik. Durch dessen Unterricht im strengen kontrapunktischen Stil war Felix von Jugend an mit der Tradition Johann Sebastian Bachs verbunden. Kontrapunktische Künste bilden denn auch eine wesentliche Stilkomponenten Mendelssohns Musik und kontrastieren markant zur kantablen Melodik und weichen Harmonik seiner Kompositionen.

Neben den bekannten Oratorien „Paulus“ und „Elias“ hat Mendelssohn sowohl geistliche a-capella-Musik „im alten Stil“ geschrieben als auch Werke mit Orchesterbegleitung.

Eines der schönsten ist die heute zu hörende Psalmkantate „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ aus den Jahren 1837 und 1838 für Solosopran, vierstimmigen Chor und Orchester. Der Text wurde dem ersten Psalm des zweiten Psalmbuches entnommen.

Die Komposition biete einen großen formalen und musikalischen Reichtum. so folgt auf den im Chor rhetorisch expressiven und im Orchester lyrisch schwingenden Eingangssatz (Nr. 1) eine Arie für Solosopran (Nr. 2) mit solistischer Oboe und ein Rezitativ (Nr. 3, das in ein Arioso mit Frauenchor übergeht. Den Mittelpunkt der Kantate bildet der Chor Nr. 4 mit der Kernaussage des Psalms: „Was betrübst du dich meine Seele ...? Harre auf Gott!“ Daran schließt sich ein kürzeres Sopran-Rezitativ (Nr. 5) und ein Quartett der Männerstimmen mit darüber schwebendem Solosopran (Nr.6) Mit seiner choralartigen Liedhaftigkeit bietet dieser Satz einen starken  Kontrast zum vorangehenden Chor (Satz 4). Im Schlusschor Nr. 7 bringt das Werk mit zwei homophonen Chorblöcken und der machtvollen Schlussfuge die unerschütterliche Gotteszuversicht zum Ausdruck.

„Von meiner Messe glaube ich, dass ich den Text behandelt habe,
  wie er noch wenig behandelt worden“ 

Diese Selbsteinschätzung seines Werkes äußerte Ludwig van Beethoven 1808 in einem Brief an den Verlag Breitkopf und Härtel in Leipzig. Damit wird deutlich, dass Beethoven mit der Messe C-Dur, op. 86 die liturgische Form der Vertonung des Messetextes weiter hinter sich gelassen und den Weg zu einer bekenntnishaften, allgemein ethisch religiösen Ausdruckswelt auch in seiner Kirchenmusik eingeschlagen hatte.

Er ließ sich den Messetext Wort für Wort ins Deutsche übersetzen und beschäftigte sich eingehend mit der „alten“ Kirchenmusik. Es ist auch bekannt, dass Beethoven öfter geäußert hat, dass allein der Stil Paletrinas der Kirche ganz angemessen sei. Jede Nachahmung eines fremden Stils lag ihm jedoch fern; nur in den Geist, aus dem dieser herausgewachsen, wollte er sich versenken.

Den Auftrag zur Komposition einer Messe erhielt Beethoven von Fürst Nikolaus Esterházy. Im September 1807 sollte der Namenstag der Fürstin Maria Hermenegild mit der Aufführung einer groß angelegten Messkomposition feierlich begangen werden. In den Jahren zuvor waren ähnliche Aufträge des Fürsten an seinen Kapellmeister Joseph Haydn ergangen und dieser schrieb dafür vermutlich zwischen 1796 und 1802 seine sechs späten Messen.

Bei der ersten Aufführung des C-dur-Messe am 13.9.1807 gefiel dem Fürsten die Komposition nicht – es wird vermutet, die Aufführung sei unzureichend gewesen. Der Fürst soll zu Beethoven gesagt haben: „Aber, lieber Beethoven, was haben sie denn da wieder gemacht!“

Beethoven hatte sich bei der Anlage des Werks grundlegend von den späten Haydn-Messen und damit gewiss auch von der Erwartungshaltung des Fürstenpaares entfernt. Weitere Aufträge an Beethoven unterblieben.

Obwohl die 1897 entstandene C-dur-Messe keinesfalls als Jugendwerk Beethovens bezeichnet werden kann, denn der lateinische Text des Messordinariums wurde eine starken Psychologisierung und dem diafogisierendem Prinzip unterzogen, geriet sie so weit in den Schatten der monumentalen Missa solemnis in D-dur, op 123 aus dem Jahre 1823, dass sie ebenso wie das Oratorium „Christus am Ölberge“ op. 85, in Vergessenheit geriet und kaum noch aufgeführt wird.

Und doch ist sie vom ersten bis zum letzten Ton echtester und kühnster Beethoven!

 

                    Torolf Müller

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