Felix Mendelssohn Bartholdy - Elias

 

Einführung zum Konzert am 23. Oktober 2005

Mendelssohn hat mit keinem einzigen Werk, was man so nennt, Eclat gemacht,
... und da er gestorben, sagten doch Alle, daß er der größte Tonsetzer unter den Lebenden gewesen sei. (...)

Was hat er denn hauptsächlich geschrieben? Was Andere nicht schreiben, weil es Niemand hören mag: Oratorien und Kirchenwerke, Kantaten, Symphonien, Quartette, Sonaten ... Mendelssohn war fast allein der Glückliche, der in diesen echten Formen des deutschen Geistes jetzt noch schreiben durfte (...) Er kommandierte in den letzten Jahren recht eigentlich die Musik und das Publikum, wie es ein genialer Meister immer tun sollte,
aber so selten vermag.

Mit diesem Urteil des Historikers Wilhelm Heinrich Riehl von 1847 ist bereits die Rolle vorgezeichnet, welche die beiden Oratorien Mendelssohns in der Musikgeschichte des 
19. Jahrhunderts einnehmen sollten.

Während Schumanns Paradies und die Peri (1843) mit weniger Glück vom Publikum aufgenommen wurde, stand das deutsche Musikleben in der zweiten Jahrhunderthälfte zunehmend im Bannkreis der Musikdramen Wagners. Der Rang von Mendelssohns Oratorien ist also in der Tat Singular in einer Epoche, deren Schwerpunkt zwischen den beiden Polen Oper und Symphonie oszillierte.

Das Oratorium hatte zwar durch die zahlreichen bürgerlichen Chor- und Gesangsvereine eine gewisse Bedeutung, neben den klassischen Standardwerken von Händel und Haydn sind aber die zeitgenössischen Komponisten der ersten Jahrhunderthälfte, die für diese Gattung komponierten, heute kaum noch dem Namen geschweige denn ihrer Werke nach bekannt, neben Louis Spohr seien Bernhard Klein und Friedrich Schneider genannt.

1836 wurde Mendelssohns Paulus beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf mit großem Erfolg aufgeführt. Dennoch äußerte der Komponist selbstkritisch:

„Vieles hat mir auch gar viel Freude gemacht, anderes nicht, aber an allem habe ich sehr gelernt und hoffe es besser zu machen, wenn ich mal ein zweites Oratorium schreibe.“

Ob er es besser machte, bleibe dahingestellt, jedenfalls machte er es anders. Der Paulus ist noch deutlich durch das bewunderte Vorbild Johann Sebastian Bachs geprägt, insbesondere der Matthäuspassion, deren legendäre Wiederaufführung 1829 zu Mendelssohns bedeutendsten musikhistorischen Leistungen zählt.

Bachs Einfluß zeigt sich v.a. durch die Einbeziehung des Chorais (als Symbol der Gemeinde) sowie durch die Rolle des rezitativisch behandelten Erzählers, der kommentierend durch das Werk führt. Hier liegt der wesentliche Unterschied zum Elias: Auf beides verzichtet Mendelssohn zugunsten einer deutlich dramatischeren Handlungsführung.
Die Nähe zur Oper wurde zwar von Puristen immer wieder kritisiert, ist aber der Gattung nicht wesensfremd. Über sein Bild des Propheten schreibt Mendelssohn: „Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig finster, im Gegensatz zum Hofgesindel und Volksgesindel, und fast zu der ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie von Engelsflügeln.“

Mendelssohn begann mit den Skizzen zum Elias gleich nach der Uraufführung des Paulus, doch die Arbeit kam durch Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung des Textbuches ins Stocken. Der Auftrag, ein Oratorium für das Birmingham Music Festival zu komponieren,
gab dann den unmittelbaren Anlaß zur Vollendung des Elias, der 1846 in Bimingham mit knapp 400 Mitwirkenden vor über 2000 Hörern uraufgeführt wurde.

Mendelssohn an seinen Bruder Paul: „Noch niemals ist ein Stück von mir bei der ersten Aufführung so vortrefflich gegangen und von den Musikern und den Zuhörern so begeistert aufgenommen worden. (...) Nicht weniger als vier Chöre und vier Arien wurden wiederholt.“ Dennoch nahm Mendelssohn noch umfangreiche Umarbeitungen an dem Werk vor.

Sein früher Tod hinderte ihn daran, ein weiteres geplantes Oratorium Christus zu vollenden. 1909 schrieb Max Reger: Was mich bei Mendelssohn so anzieht, ist die Wahrheit des Ausdrucks, des Empfindungslebens, eines auch menschlich durch und durch vornehmen Künstlers. 

                   Thomas Krehahn

 

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