Joseph Haydn - Die Schöpfung


Einführung zum Konzert am 21. Oktober 2007

Joseph Haydn „... steht heute vor aller Augen als der ehrwürdige Vater der ganzen modernen harmonischen Musik. ... Sein >Jenseits von Scherz und Ernst< ist längst als das Jenseits der Kunst selbst erfühlt und erkannt worden.“    Thomas Mann

Im diesjährigen Herbstkonzert erklingt „Die Schöpfung“, Oratorium in drei Teilen für Sopran, Tenor, Bass, Chor und Orchester von Joseph Haydn. Es wurde vollendet im Jahre 1798 und uraufgeführt in Wien, zuerst im privaten Kreis im Palais des Fürsten Schwarzenberg am 29. April 1798.

Joseph Haydn berichtete selbst, dass er am 31. März 1732 in dem Marktflecken Rohrau in Unterösterreich bei Prugg an der Leitha geboren wurde. Von seinem Vater schrieb er, dass er von Beruf Wagenmacher (ein Wagner) und „ein von Natur aus großer Liebhaber der Musik“ gewesen sei. „Er spielte ohne eine Note zu kennen die Harfe, und ich als Knabe von 5 Jahren sang ihm alle seine simplen kurzen Stücke ordentlich nach.
Nach entbehrungsreichen Jahren als Kind und als angehender Musiker und einem langen arbeitsreichen Leben im Dienst der Fürsten Esterházy verstarb Franz Joseph Haydn am 31. Mai 1809 in Wien (während die Franzosen unter Napoleon die Stadt belagerten, beschossen und einnahmen) als der bekannteste und beliebteste Komponist seiner Zeit.
Mit seinem an Bedeutung und Wirkung gewaltigen kompositorischen Schaffen eröffnete Haydn das musikgeschichtliche Zeitalter der „Wiener Klassik“.

Haydns 17 Jahre jüngerer Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethe erkannte: „Haydns Werke sind eine ideale Sprache der Wahrheit. Sie sind vielleicht zu überbieten, aber nicht zu übertreffen.“

Fürst Nikolaus Esterházy, Haydns Dienstherr starb im September 1790. Der Nachfolger, weniger an Musik interessiert, löste die Kapelle auf. Joseph Haydn behielt jedoch sein Amt als Kapellmeister und sein Gehalt. Er war jetzt unabhängig genug, dass er die Einladung von 1787 nach England und London zu kommen, nun endlich annehmen konnte. Im Dezember 1790 brach der Meister zur Reise nach London auf. Er stand im 58. Lebensjahr und hatte den größten Teil seiner Werke bereits geschaffen. In London  wurde Haydn enthusiastisch empfangen, seine Konzerte waren überfüllt und im Juli 1791 verlieh ihm die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde der Musik. Der Erfolg blieb ihm auch in der neuen Konzertsaison 1792 treu.
Im Juni besuchte Haydn den deutsch-englischen Astronomen William Herschel in Slough bei Windsor und besichtigte das von Herschel selbst gebaute riesige Spiegel-teleskop. Haydn war nach einem Blick durch dieses technische Wunderwerk von der Unendlichkeit des Weltraums überwältigt und fand nur schwer wieder zur Endlichkeit  der Kunst zurück. Sollte, wie Sir Donald Tovey glaubte, in der Nacht dieses Besuches in Haydns Seele der Keim zur „Schöpfung“ gelegt worden sein? Ende Juni 1792 reiste Haydn zurück nach Wien.

Einer zweiten Einladung nach London folgte Joseph Haydn 1794. Im Februar angekommen, wurde er zum Mittelpunkt des Musiklebens der Stadt, führte weitere 6 neue Symphonien mit größtem Erfolg auf und befasste sich eingehend mit den Oratorien von Georg Friedrich Händel. Im August 1795 ging auch dieser Londonbesuch zu Ende. Vor seiner Abreise erhielt der Meister ein handschriftliches Libretto zu einem Oratorium, das von einem englischen Autor, namens Lidley, unter Benutzung von John Miltons Dichtung „Das verlorene Paradies“ verfasst worden war. Ursprünglich soll es für Händel bestimmt gewesen sein, der es jedoch nicht verwendete. In Wien ließ es Haydn von dem Kaiserlichen Hofbibliothekar Gottfried von Swieten ins Deutsche übertragen. Von diesem stammt auch der Titel „Die Schöpfung“. Joseph Haydn komponierte hierzu in dreijähriger Arbeit ein Meisterwerk, das zu den bedeutendsten  der gesamten Musikgeschichte gehört.

Der Erfolg der „Schöpfung“ war seit ihrer Uraufführung in Wien im April 1798 ohne Beispiel. Das Werk war Anlass, neue Chorvereinigungen und Musikinstitute zu gründen. Aus ihm heraus entwickelte sich eine selbständige deutsche Oratorienschule.

Erster Teil - die ersten vier Schöpfungstage 

Das Werk beginnt mit einem grandiosen Instrumentalsatz. Anfänglich in ein fahles Licht getauchte Harmonien entwickeln sich zu verwirrend ineinander geschobenen unaufgelösten Dissonanzen, das Chaos abbildend. Nach 52 Takten aber glaubt man das unerhört geheimnisvolle Eingreifen des Schöpfers zu spüren. Im Pianissimo berichtet der Erzengel Raphael (Bass) von der Erschaffung des Himmels und der Erde. Aber noch herrscht Finsternis!

Die größte der ersten Schöpfungstaten, die Erschaffung des Lichts, wird mit einem einfachen C-Dur-Akkord ausgedrückt. Welche großartige Wirkung Meister Haydn mit diesem „Lichtblitz“ erzielt, ist seit der Uraufführung immer wieder bewundert worden.

Er gehört zu den eindrucksvollsten Klangbildern der Klassik. Der Erzengel Uriel (Tenor) besingt den Sieg des Lichts und die Vertreibung der dunklen Schatten. Der Chor schildert Wut, Schrecken und Sturz der Höllengeister mit einer dramatischen Fuge – aber als Gegensatz auch die neue Welt, die auf Gottes Wort entspringt. Raphael berichtet das Werden des Firmaments, des Meers, der Gewässer und des Wetters mit Gewitter, Sturm, Regen und Schnee. Der Erzengel Gabriel (Sopran) singt vom Entstehen des Pflanzenreiches auf der Erde. Uriel begrüßt die Sonne, den Mond und das Flimmern der unzähligen Sterne. Die himmlischen Heerscharen, ausgedrückt durch den Chor, rühmen das Werk des göttlichen Schöpfers. Der erste Teil endet mit dem großen, teils homophon, teils fugiert gestalteten Chor: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes ...“.

Zweiter Teil - der fünfte und sechste Schöpfungstag 

Im zweiten Teil wird die Erschaffung der Tierwelt besungen. Jede Gattung hat der Komponist, zusätzlich zum gesungenen Bericht, durch phantasievolle tonmalerische Details charakterisiert. Uriel berichtet über die Erschaffung des ersten Menschenpaares Adam und Eva als Krönung der Schöpfung, das „Gottes Werke dankbar sehn, des Herren Güte preisen soll“. Bevor der zweite Teil mit der Wiederholung des durch ein „Alleluja“ erweiterten Chors „Vollendet ist das große Werk ...“ schließt, besingen Gabriel, Uriel und Raphael in einem eindringlichen Terzett die Allmacht des Schöpfers über Leben und Tod jeglicher Kreatur.

Dritter Teil - der siebente Schöpfungstag

Der dritte Teil des Oratoriums hat das paradiesische Leben der ersten Menschen Adam und Eva zum Inhalt. Adam (Bass) und Eva ergreifen selbst das Wort und singen in einem Duett dem Schöpfer Lob und Dank für ihre Erschaffung. Sie werden hierbei vom Chor mit der Aufforderung unterstützt „Lobsinget alle Gott dem Herrn!“ Besonders eindringlich wird das Lob und der Dank an den Schöpfer für alle seine Werke in dem Chorabschnitt „Dich beten Erd und Himmel an ...“ ausgedrückt. Das Oratorium endet mit dem großen fugierten Schlusschor voll glänzender Klangpracht „Singt dem Herren alle Stimmen ... Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit. Amen.“ 

                    Torolf Müller

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