Antonin Dvorak - Requiem


Einführung zum Konzert am 24. Oktober 2010

"Die Persönlichkeit Dvoraks ist für mich durch eine gewisse kostbare Liebenswürdigkeit, Menschlichkeit und Gesundheit bedeckt. Wenn jemand ein gesundes und freudiges Verhältnis zum Leben ausdrückte, dann er ...  Die Musik soll immer freudig sein, auch wenn sie tragisch ist." (Bohuslav Martinu)

Zu den eingefahrenen Klischees gehört die Vorstellung, dass tragische Musik auf unglückliche Lebensumstände ihres Komponisten schließen lasse. Im Falle von Dvoraks Stabat mater (1880) stimmt das: Nach dem frühen Tod seiner erstgeborenen Tochter begann er sofort, das Werk zu skizzieren.

Ganz anders das Requiem. Die zwischen Kompositionsbeginn und Uraufführung seiner Totenmesse „ohne Anlass" liegende Zeit war für Dvorak, bereits International bekannt und gefeiert, voller beruflicher Aner­kennung und ungetrübter Lebens­freude: Erfolgreiche Uraufführungen seiner Oper „Der Jakobiner" und der G-Dur-Symphonie, Dirigentenreisen nach Moskau, Petersburg und London, Amtsantritt als Kompositionsprofessor am Prager Konservatorium, Ehrendoktorat der Universitäten von Prag und Cambridge.

Der triumphale Erfolg der Uraufführung des Requiems in Birmingham 1891, unter der Leitung des Komponisten, wiederholte sich bei Folgeaufführungen in Prag und anderen Städten. Nach anfänglichem Zögern folgte Dvorak 1892 dem Ruf, die Direktorenstelle am National Conservatory in New York zu bekleiden, und auch in Amerika fand das Requiem begeisterte Aufnahme.

Das Werk gliedert sich in zwei Teile mit zusammen 13 Nummern. Das Requiem aeternam beginnt mit einer - das bekannte BACH-Motiv variieren­den - Viertongruppe, die durch ihre Intervallkonstellation als Kreuzsymbol gedeutet werden kann und seit Schütz zum Grundbestand der musikalisch-rhetorischen Figuren gehört. Dieses Kreuzmotiv zieht sich leitmotivisch durch das ganze Werk. Spuren Wagnerscher Chromatik bis hin zum beinahe wörtlichen Tristan-Zitat finden sich etwa im Tuba mirum oder dem Pie Jesu. Dem gegenüber stehen Passagen von einer gewissen, für Dvorak nicht untypischen, „dezenten Volkstümlichkeit (Recordare, Offertorium); so ist die Chorfuge Quam olim Abrahae dem mittelalterlichen tschechischen Lied „Fröhlich lasst uns singen“ nachgebildet. Verschwindend gering ist dagegen der Anteil histori­sierenden Elemente (Graduale, Agnus Dei).

Kennzeichnend für das Werk ist die stete Wahrung eines ernsten Grund­charakters der Totenmesse, der etwa im Gegensatz zur Vertonung Verdis nie von opernhafter Dramatik über­lagert wird - auch nicht im Dies irae, das Dvorak, hier eher dem Beispiel Cherubinis folgend, ganz im pianissi­mo verklingen lässt.

Wie auch bei Dvoraks Stabat mater kann gesagt werden, dass neben der musikali­schen Qualität die aufrichtige Religi­osität des Komponisten - im späten 19. Jht keine Selbstverständlichkeit - den persönlichen Wert und den hohen Rang dieses Requiems begründet.

                    Thomas Krehahn

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