Beim Schall der Trompeten

Drei barocke Vertonungen von altchristlichen Hymnendichtungen aus drei verschiedenen Ländern:  auf diese Reise führt uns das heutige Programm.

In allen drei Werken, dem Utrechter Te Deum von Georg Friedrich Händel (1685-1759), dem Te Deum von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) und dem Gloria von Antonio Vivaldi (1678-1741) erklingen jeweils strahlende Trompeten, also Instrumente, die weltlichen Herrschern bei Schlachten der Signalübermittlung dienten und bei Friedensfeiern ein Symbol für Pracht und Sieg waren. In der Messe waren Trompeten zur Barockzeit nur zu hohen kirchlichen Festen erlaubt und dienten dem Lobpreis Gottes. Es musste also jeweils einen ganz besonderen Anlass gegeben haben, der die Verwendung von Trompeten rechtfertigte.

Händels Utrechter Te Deum hat einen politischen Hintergrund: Händel komponierte es 1713 als junger Mann für die Feierlichkeiten zum Sieg über Frankreich im Spanischen Erbfolgekrieg, dessen für England vorteilhaftes Ergebnis in Utrecht besiegelt wurde. Händel vertont nicht den lateinischen Text, sondern die englische Übersetzung und lobt damit eher die Verdienste der englischen Nation als den Beistand Gottes. Aber so glorreich klingt die Musik dieser Siegeshymne zunächst gar nicht. Sie beginnt vielmehr eher zurückhaltend, nachdenklich. Ein Werk voller Kontraste. Stille Teile wechseln ab mit strahlenden Siegestrompeten. Besonders deutlich werden die Kontraste in diesem Te Deum im Solo „Thou hadst overcome the sharpness of death“ das musikalisch die Schrecken des Todes versinnbildlicht. Jubilierend und von Trompeten begleitet antwortet der Chor: „Thou didst open the kingdom of heav’n“ und erlaubt damit einen Blick in die geöffneten Himmelstore.
 
Händel war Kosmopolit. Wie viele seiner Zeitgenossen reiste auch er zunächst nach Italien, um dort die neuesten Kompositionstechniken zu studieren. Als er in London den Kompositionsauftrag bekam, war er gerade erst kurze Zeit vorher wieder aus Deutschland angereist und der englischen Sprache offensichtlich noch nicht ganz mächtig, was aus der musikalisch fehlerhaften Betonung einiger Worte im englischen Text hervorgeht.

Über Charpentiers Leben und Ausbildung wird erst in letzter Zeit mehr bekannt. Auch er reiste nach Italien, entwickelte aber nach seiner Rückkehr nach Frankreich seinen ganz eigenen französischen Musikstil mit sehr ausgefeilter, kontrastreicher Harmonik. Bekannt wurde er seinerzeit durch seine Opern, Ballette und Schauspielmusiken, z.B. zu Molières Eingebildetem Kranken. 1688 wurde er bei den Jesuiten Maître de Musique, also Kapellmeister und Musiklehrer. Damit war er auch mit Kompositionen für Messen und Feste an der Jesuitenkirche Église Saint-Louis in Paris betraut.

Die große und glanzvolle Besetzung mit Holzbläsern, Trompeten und Pauken, wie sie für das Te Deum erforderlich ist, stand allerdings auch in der Église Saint-Louis nur zu besonderen Gelegenheiten zur Verfügung. Das Werk wurde vermutlich erstmals 1692 aufgeführt, also zehn Jahre vor dem Frieden von Utrecht, anlässlich des französischen Sieges in der Schlacht von Steinkerque. Wieder zur Feier eines Sieges! Aber welch ein Unterschied zu Händels Te Deum! Hier stehen die Siegesfeiern ganz im Vordergrund und die Schrecken einer Schlacht sind vergessen. Charpentiers Te Deum wurde erst 1953 wieder entdeckt und trat mit dem einleitenden Prelude, das uns allen aus der Eurovisionsfanfare bekannt ist, einen weltweiten Siegeszug an.

Auch in Vivaldis Gloria spielen Trompeten eine wichtige Rolle. Wir wissen nicht, aus welchem Anlass Vivaldi dieses Werk komponierte und wann es uraufgeführt wurde. Es könnte 1716 für das Fest Maria Heimsuchung komponiert worden sein, das Fest der Schutzpatronin der Kirche Santa Maria de la Pietà in Venedig, an der Vivaldi als Musiklehrer und zeitweise auch als Priester tätig war. Zu dieser Kirche gehörte des Ospedale della Pietà, eine Auffangstation für unerwünschte, ausgesetzte Babys, für verkrüppelte oder von Pocken entstellte Mädchen. Die Mädchen erhielten alle eine musikalische Ausbildung und konnten dort, falls sie nicht verheiratet werden konnten, ihr Leben lang bleiben. Die ungewöhnliche Besetzung der Solistenpartien (ursprünglich zwei Sopranistinnen und eine Altistin) deutet darauf hin, dass Vivaldi es für die Mädchen im Ospedale schrieb. Die regelmäßigen Aufführungen in der Pietà, bei denen sogar Eintritt erhoben wurde und mit denen das Waisenhaus finanziert wurde, waren Höhepunkte im venezianischen Kulturleben.

In diesem Zusammenhang ist die Frage gerechtfertigt, wie ein Werk wie das Gloria geklungen haben mag, wenn es von einem reinen Mädchenchor, also ohne Männerstimmen, aufgeführt wurde. Neuste Forschungen haben ergeben, dass bei entsprechender Gesangstechnik sehr wohl auch die Tenor- und Bassstimmen von Frauen gesungen werden können und in einem reinen Frauenchor ein ausgewogener vierstimmiger Klang erzielt werden kann.

Gloria in excelsis Deo – so jubeln die Engel in der Heiligen Nacht, was Vivaldi musikalisch durch den festlichen Klang der Trompeten ausdrückt. Um den Frieden auf Erden (Et in terra pax) ist es dagegen noch nicht so gut bestellt: Vivaldis Musik drückt hier eher eine flehentliche Bitte aus, ist reich an Dissonanzen und sehr verhalten. Die zentrale Arie Domine Deus, Rex coelestis (Herr Gott, himmlischer König, allmächtiger Vater) ist eine bezaubernde Zwiesprache zwischen Sopran und Oboe nach Art einer sanften Hirtenmusik.

Das Werk endet mit dem jubelnden Schall der Trompete.

Dagmar Scherschmidt

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