Psalmvertonungen – heute und gestern

Das Wort „Psalm“ stammt aus dem Griechischen (ψάλλειν) und bedeutet „Saitenspiel“. Psalmen sind Bestandteil sowohl der jüdischen als auch  der christlichen Religion. Aus der mittelalterlichen Malerei kennen wir viele Darstellungen des alttestamentarischen König David, wie er ein Saiteninstrument, den Psalter, spielt und dazu singt. Auch im Koran wird König David als hervorragender Sänger erwähnt. Die Psalmen sind also weit mehr als nur verstaubte Texte. Ihre poetische Sprache hat Komponisten seit alters her immer wieder zu Vertonungen angeregt.

Im heutigen Konzert werden Psalmvertonungen zweier Komponisten einander gegenübergestellt: der 95. und der 42. Psalm von Felix Mendelssohn-Bartholdy und die Chichester Psalms von Leonard Bernstein.

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) wurde als Sohn sehr musikalischer jüdischer Eltern protestantisch getauft, erhielt eine christliche Erziehung und wurde schon früh mit der Musik Bachs und Händels vertraut gemacht. Bereits mit 11 Jahren begann er seine umfangreiche Kompositionstätigkeit und wirkte regelmäßig bei den sonntäglichen Hausmusiken im Elternhaus als Interpret und Komponist mit. Im Alter von nur 26 Jahren wurde er Kapellmeister am Leipziger Gewandhaus. Er war dort so erfolgreich, dass er bereits ein Jahr später die Ehrendoktorwürde der Philosophie erhielt.

Konzertreisen durch ganz Europa machten Mendelssohn früh berühmt. Allein zehn Mal reiste er zum Beispiel nach England, feierte Triumphe mit seinen Sinfonien, seinem Sommernachtstraum und seinen Oratorien Paulus und Elias. Diese Tourneen bedeuteten für ihn zwar großartige Anregungen für sein kompositorisches Schaffen, waren aber seiner Gesundheit abträglich. Von einer dieser Reisen zurückgekehrt erfuhr er 1847 dann zudem noch vom Tod seiner geliebten Schwester Fanny. Diesen Schock verwand er nicht. Nach mehreren Schlaganfällen verstarb er wenige Monate später im Alter von nur 38 Jahren.

Psalmtexte inspirierten Mendelssohn zeitlebens zu Vertonungen. Er begann die Vertonung des 95. PsalmsKommt, lasst uns anbeten“ im Jahr 1838, überarbeitete sie aber in den folgenden Jahren noch mehrfach. 1841 schrieb er schließlich an seinen Freund Klingemann:

 „Dann habe ich den Psalm, welchen ich Dir im vorigen Herbst vorspielte, und von dem nur ein Stück mir ans Herz gewachsen war, ganz neu gemacht, bis auf das eine Stück; also 4 frische dazu. Ich glaube fest, er ist der beste von den 4 Psalmen geworden“

Der Text des Psalms 95 gliedert sich in zwei Teile von gegensätzlichem Charakter. Der erste Teil (Verse 1-7a) ist ein froher Aufruf, den Herrn anzubeten und seine Allmacht zu preisen. Der zweite Teil (Verse 7b-11) ist eine ernste Warnung davor, das Wort des Herrn zu missachten und damit seinen Zorn zu erregen. Um diese Zweiteiligkeit deutlicher hervorzuheben, ändert Mendelssohn in seiner Vertonung die Anordnung der Verse. Er beginnt mit dem 6. und 7. Vers (Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem Herrn) und beschließt im 4. Satz den ersten Psalmteil mit den Versen 5 bis 7, dabei zitiert er nochmals die Musik des ersten Satzes. Dadurch erhält der erste Teil des Psalms eine textliche und musikalisch abgerundete Form. Im letzten Satz vertont Mendelssohn den ernsteren und verhalteneren zweiten Teil des Psalms und lässt ihn in einem Pianissimo enden.

Die Arbeit am 42. PsalmWie der Hirsch schreit nach frischem Wasser” begann Mendelssohn bereits im Jahr 1837 während seiner Hochzeitsreise durch den Schwarzwald. Später ergänzte er weitere Verse dieses Psalms und fügte ein „Preis sei dem Herrn“ hinzu, sozusagen eine Doxologie, die Schlussformel eines Gebets, die allerdings in Psalm 42 so gar nicht vorkommt.

In diesem Werk spürt man das Glücksgefühl, das den frisch verheirateten Mendelssohn damals beseelt haben muss. Er vertont den Psalmtext mit der ihm eigenen Tonsprache, weich und sanft, aber ohne jegliche Sentimentalität, auch wenn von Tränen und Betrübnis die Rede ist. Mendelssohns drückt damit sein unbedingtes Vertrauen in Gott aus. In der auf den Eingangschor folgenden Sopranarie Meine Seele dürstet nach Gott wird das Thema der Oboe nach dem Vorbild von Johann Sebastian Bach mehrfach wiederholt. Der 42. Psalm war in Leipzig damals so beliebt, dass seine Wiederholung sogar in Leserbriefen erbettelt wurde. Das Werk schließt mit der Chorfuge „Preis sei dem Herrn“, dem Schlussgebet.

 

Auch Leonard Bernstein (1918-1990) entstammte einer jüdischen Familie. Er studierte an der Havard University Klavier, Komposition und Dirigieren und wurde bereits mit 25 Jahren Assistant Conductor des New York Philharmonic Orchestra. Dank dieser Position ergab sich 1943 für den jungen Bernstein unerwartet die Gelegenheit, sehr kurzfristig für den erkrankten Bruno Walter einzuspringen, was ihm in seiner Karriere als Dirigent zum Durchbruch verhalf.

Bernstein gilt heute als einer der vielseitigsten Künstler und Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er sagte zwar von sich, er sei in erster Linie ein Komponist ernster Musik. Weltweit bekannt geworden ist er jedoch zunächst vor allem als Dirigent und Komponist durch seine Bühnenwerke, wie z.B. West Side Story, aber auch durch die weltweit ausgestrahlte Aufführung von Beethovens IX. Symphonie 1989 anlässlich des Mauerfalls in Berlin, in der er im Schlusschor die Worte „Freude schöner Götterfunken“ ersetzen ließ durch „Freiheit schöner Götterfunken“. Frieden, Freiheit, Verständigung  der Völker und der Religionen untereinander waren ihm immer ein besonders Anliegen.

Die Chichester Psalms entstanden 1964/65 als Auftragswerk des Dekans der englischen Kathedrale von Chichester zu einer Zeit, als Bernstein sich in einer Schaffenskrise für ein Jahr als Dirigent hatte beurlauben lassen. Er berichtet:

 „Damals habe ich fast das ganze Jahr lang nur Zwölftonmusik und noch experimentellere Sachen geschrieben. Ich war glücklich, dass all diese neuen Klänge zum Vorschein kamen; doch nach etwa sechs Monaten Arbeit habe ich alles weggeworfen. Das war eben nicht meine Musik: Sie war nicht aufrichtig. Und als Folge davon entstanden die Chichester Psalms - sicher das eingängigste B-Dur-artig tonale Stück, das ich je geschrieben habe.“

In jedem der drei Sätze der Chichester Psalms wird ein Psalm vertont, teilweise ergänzt durch einzelne Verse weiterer Psalmen. Bernstein unterstreicht den Wortsinn und die Aussage der Psalmtexte  mit den musikalischen Stilmitteln des 20. Jahrhunderts. Er schreibt ausdrücklich vor, das Werk sei in hebräischer Sprache aufzuführen, um dessen liturgischen Charakter zu betonen. Eine Aufführung in deutscher Sprache würde dem Werk auch gar nicht gerecht werden. Das hebräische Wort Adonai hat - um nur ein Beispiel zu nennen - einen so völlig anderen sehr melodischen Charakter als dessen deutsche Übersetzung Herr, dass ein ins Deutsche übersetzter Text Bernsteins Klangsprache stark verfremden würde. Mit 3 Trompeten, 3 Posaunen, großem Schlagwerk und 2 Harfen ist das Orchester aufwändig und festlich besetzt. Vor der Uraufführung bestand Bernstein darauf, dass Chor und Orchester zunächst die Partien der Harfen allein hören sollten, um das Wesen seiner Komposition kennenzulernen.

Die Zahlensymbolik spielt in den Chichester Psalms eine wichtige Rolle: Die in der jüdisch-christlichen Tradition so symbolträchtige Zahl Sieben durchzieht das ganze Werk: In Melodien und Akkorden verwendet Bernstein immer wieder die Septime. Auch rhythmisch wird die Zahl Sieben ausgedrückt: Den 100. Psalm (Jauchzet dem Herrn alle Lande) vertont Bernstein im rhythmisch swingenden 7/4 Takt.

Der erste Satz beginnt mit einem markanten Aufruf im Orchester und im Chor: „Urah, hanevel,“ – Wach auf, Psalter und Harfe. Dieses ungewöhnliche Anfangsthema durchzieht und prägt das ganze Werk. Im zweiten Satz stellt Bernstein zwei Psalmen einander gegenüber und verwebt sie musikalisch: In die liebliche Idylle des 23. Psalms Der Herr ist mein Hirte bricht aggressiv der Männerchor ein mit den aufgeregten Worten des 2. Psalms Warum toben die Heiden, während der Frauenchor ruhig darüber schwebend gleichzeitig den letzten Vers aus dem 23. Psalm singt Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Nach einer instrumentalen Einleitung im dritten Satz, die das Anfangsthema wieder aufgreift, endet das Werk im pianissimo mit dem Friedensgebet des 133. Psalms: Siehe, wie gut und angenehm es ist, wenn Brüder leben zusammen in Eintracht.

 

Dagmar Scherschmidt

 

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