Es stand die Mutter am Kreuze

Die Stabat Mater Vertonungen
von Karol Szymanowski und Francis Poulenc

Das Stabat Mater ist ein mittelalterliches Gedicht, das Maria in ihrem Schmerz um den Gekreuzigten besingt. Es wurde von vielen Komponisten vertont, so von Josquin, Palestrina über Pergolesi, Vivaldi, Haydn, Verdi und Dvorak, um nur einige wenige Beispiele zu nennen - und auch von Karol Szymanowski und Francis Poulenc.

Karol Szymanowski (1882-1937) gilt neben Frédéric Chopin als der bedeutendste polnische Komponist. Er kam in einem sehr gebildeten und hochmusikalischen polnischen Adelshof in einem ursprünglich pol­nischen Teil der Ukraine zur Welt, der damals aber Teil des russischen Kaiserreichs war. Von seinem Vater er­hielt er ersten Klavierunterricht und experimentierte schon als Kind mit eigenen Kom­positionen. Nach dem Abitur nahm er sein Studium der Musik­theorie und Kompo­sition am Konser­vatorium in Warschau auf. Ausgedehnte Reisen führten ihn ab 1910 zunächst nach Berlin zu Richard Strauss, nach Wien, Petersburg und Moskau, Rom und Paris zu Claude Debussy, sogar nach Nordafrika. Angeregt durch diese Reisen beschäftigte sich Szymanowski intensiv mit orientalischer und frühchristlicher Kunst und der Kunst der Antike.

1917 wurde das elterliche Anwesen im Zuge der russischen Revolution völlig zerstört. Die Familie stand vor dem Nichts und siedelte nach Polen über. Zwei Jahre lang kam Szymanowskis kompositorisches Schaffen praktisch zum Erliegen. Er schrieb während dieser Zeit Gedichte und seinen mit einem Literaturpreis ausgezeichnete homoerotischen Roman „Efebos“.

Szymanowski hatte sich zunächst nicht sonderlich für polnische Volksmusik interessiert. War es das Erleben der Russischen Revolution, die Konflikte mit Polens Nachbarstaaten, die Neuordnungen von Landesgrenzen in Europa, die in ihm einen nationalen polnischen Gedanken aufkommen ließ? Bei einer Reise in die Hohe Tatra lernte er die dortige Folklore kennen. Ähnlich wie Bela Bartók studierte er die besonderen Harmonien und Rhythmen dieser authentischen Volksmusik und sammelte ihre ungewöhnlichen Melodien und Rhythmen. Szymanowski beschreibt dies so: “Meine Entdeckung der ätherischen Schönheit der Górale Musik [der Musik aus dem polnischen Hochland] ist sehr persönlicher Natur; vieles von dieser Schönheit habe ich in mein Innerstes absorbiert.“

Nach Konzertreisen nach New York und Havanna erhielt er in Paris die Anregung, ein Werk für Soli, Chor und Orchester zu komponieren. Ihm schwebte zunächst vor, ein „Bauern-Requiem“ in polnischer Sprache zu schreiben. Diesen Plan verwarf er jedoch wieder. Bronislaw Krystall, ein polnischer Unternehmer und Musikliebhaber, beauftragte ihn Ende 1924, ein Requiem für seine verstorbene Frau zu komponieren. Daraus entstand schließlich das Stabat Mater, das er in einer polnischen Übersetzung vertonte, die ihn, den Literaturpreisträger, und seine polnischen Zuhörer viel mehr berührte als der lateinische Text.

In seiner sechssätzigen Komposition verbindet Szymanowski Elemente authentischer Volksmusik aus dem Podhale, [dem Karpatenvorland], z.B. im Orchestervorspiel und im ersten Sopransolo „Stabat Mater dolorosa“ mit den polyphonen Techniken und der archaischen Harmonik des 16. Jahrhunderts (z.B. im „Fac me tecum pie flere“). Das Ergebnis ist ein zutiefst persönliches Werk, in dem sich nationale und religiöse Gefühle miteinander mischen. Es wurde am 11. Januar 1929 in der Warschauer Philharmonie uraufgeführt und fand die ungeteilte Anerkennung der internationalen Musikwelt.

Auch Francis Poulenc (1899-1963) entstammte einer sehr musi­kalischen Familie. Seine Mutter war eine ausgezeichnete Pianistin und gab ihm in Paris ersten Klavierunterricht. Ein Konser­vatorium be­suchte er nie, erhielt später aber von Riccardo Viñès, dem berühmten spanischen Pianisten, Klavierunterricht. In Paris gehörte er nach 1918 zur Groupe de Six um Eric Satie und Jean Cocteau, zu der u.a. auch Darius Milhaud und Arthur Honegger gehörten. Verbin­dendes Motiv für die Gruppe war die Ablehnung romantischer Musik und die Hinwendung zu größerer Einfachheit, zur Schaffung einer eigenen Moderne in Frankreich. Entscheidender für ihn war jedoch 1924 die Begegnung mit Sergej Diaghilew, der 1923 Poulencs Ballett Les Biches mit dem Ballet Russe herausbrachte. Dadurch wurde der 24-jährige Poulenc als „Dandy“ und Provokateur mit einem Schlag in ganz Europa bekannt.

Eine entscheidende Wende in Poulencs Leben kam 1936. Wenige Tage, nachdem sein enger Freund, der Komponist Pierre Octave Ferroud, 1936 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, pilgerte er zur Schwarzen Madonna von Rocamadour. Fasziniert von der stillen Atmosphäre der Pilgerstätte fand er zum katholischen Glauben zurück und fühlte sich inspiriert, geistliche Werke wie z.B. seine Litanies à la vierge noire [Litanei auf die Schwarze Madonna] zu komponieren.

Das "Stabat Mater" zeigt den späten Poulenc. Auslöser war 1949 der Tod seines guten Freundes Christian Bérard. Poulenc erinnert sich „…ich beschloss, zu seinem Gedächtnis ein religiöses Werk zu schreiben. Ich dachte zuerst an ein Requiem, aber ich fand das zu pompös. So kam mir die Idee, ein Fürbittengebet zu vertonen, und der Text des Stabat Mater schien alles zu beinhalten, um der Schwarzen Madonna von Rocamadour die teure Seele Bérards anzuvertrauen“. Poulenc war selbst überrascht, wie leicht und schnell ihm die Komposition im Sommer 1950 von der Hand ging.

Poulenc vertont die Strophen des Gedichts in zwölf kurzen Sätzen. Jeder Satz hat einen ganz eigenen Charakter, ein anderes Tempo, unterschiedliche Orchestrierung und ganz verschiedene Tonarten. Dadurch ergibt sich ein sehr abwechslungsreiches Werk mit feierlicher Musik, sinnlich-mystischen und sogar schelmisch-übermütigen Momenten.

Das Werk beginnt mit ernster nachdenklicher Musik, aber die Musik bleibt nicht so düster. Christi Passion ruft für Poulenc nicht nur schmerzlich kontemplative Gedanken hervor, sondern auch Momente der Auflehnung, z.B. in Strophe 2 Cujus animam gementem  [Durch die Seele voller Trauer, schneidend unter Todesschauer] und in Strophe 5 Quis est homo? [Ist ein Mensch auf aller Erden, der nicht muss erweichet werden].

Das Quando corpus morietur (Strophe 12), in dem der Gläubige bittet, dass seine Seele ins Paradies aufgenommen wird, gehört zum Schönsten, das Poulenc geschrieben hat. Der rätselhaft dissonante Schlussakkord des Orchesters soll uns vielleicht dazu einladen, über unsere eigene Reise ins Jenseits nachzudenken.

© Dagmar Scherschmidt 2013

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