Johann Sebastian Bach - Johannespassion

Einführung zum Konzert am 6. April 2003

In seinem berühmten Buch "Johann Sebastian Bach", erschienen 1908, hat Albert Schweitzer die Johannespassion und ihre Textbezogenheit so charakterisiert: 
"Der Passionsbericht des Johannes ist in der Hauptsache nur eine Schilderung der großen Gerichtsszenen vor dem Hohenpriester und Pilatus. Er hat etwas Aufgeregtes und Leidenschaftliches an sich. Diese Eigenart hat Bach erfasst und in seiner Musik wiedergegeben." 

Diese knappe Aussage führt die wesentlichen Merkmale der Johannespassion zusammen, die auch dem Hörer im 21. Jahrhundert ganz direkt erlebbar werden können. Bei der Arbeit an der Johannespassion hatte Bach bereits mit der Gestaltung des Textes auf Anforderungen der Kirchenbehörde Rücksicht zu nehmen: In den Passionsmusiken war wegen einer prinzipiellen liturgischen Vorschrift des Leipziger Konsistoriums der biblische Bericht der Evangelisten zu verwenden. Bach konnte deshalb auf keinen der vorhandenen Passionsoratorientexte mit gereimten Paraphrasen der Evangelien zurückgreifen. Er musste den für die Ergänzung des Johannes-Evangeliums geeigneten Text selbst zusammenstellen und wählte hierzu betrachtende Dichtungen für die Arien aus verschiedenen Veröffentlichungen von Barthold Heinrich Brockes, Christian Weise und Christian Heinrich Postel und auch die Choräle selbst aus, wobei er die vorhandenen Texte oft in seinem Sinn bearbeitete. 
 
So entstand das vielgestaltige, wohl auch etwas heterogen wirkende Libretto der Johannespassion.
Zu den Besonderheiten der Komposition der Johannespassion gehören die ungewöhnlich breit ausgearbeiteten Turba-Chöre (Volk, Hohepriester, Kriegsknechte, Diener). Sie sind die gewichtigste musikalische Komponente, die auch formal von großer Tragweite ist, weil Bach mit ihnen gleichzeitig ein System von thematisch-motivischen Verbindungen schafft, durch die sie die entscheidende Funktion für den zyklischen Zusammenhalt der Werkteile innerhalb der Johannespassion erhalten. Bach schildert die Massenauftritte der Juden mit kompositorischen, beinahe lautmalerischen Mitteln, wie ausgeprägt chromatischen Melodielinien bis zu den expressiven "Kreuzige"-Chören. Die Gerichtsverhandlung über Jesus vor Pilatus erhält sehr realistische Züge eines auch politisch motivierten Schauprozesses, bei dem sich verblendete und aufgehetzte Juden wie modere Opportunisten verhalten und zu Komplizen der römischen Besatzungsmacht werden:
 
die Juden: "Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht ...!"
die Hohenpriester: "Wir haben keinen König, denn den Kaiser!"
 
Im Gegensatz hierzu und zur 1727 erstmals erklungenen Matthäuspassion tritt die Bedeutung der solistischen Stücke zurück. Die Anzahl der Arien ist nicht groß und ihre jeweilige Ausdehnung ist durchaus mäßig. Nur zwei der Arien werden durch Ariosi eingeleitet. Den Rahmen der Johannespassion bilden zwei groß angelegte Chorsätze und der Schlusschoral "Ach Herr, lass' dein lieb Engelein...". Im Eingangschor "Herr, unser Herrscher..." knüpft Bach an eine in Kursachsen damals übliche Gebetseröffnungsformel an: "Herr, unser Herrscher, dessen Name herrlich ist in allen Landen!"
Bach leitete seine Johannespassion, ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Leipzig, zum ersten Mal am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nicolaikirche. Für weitere Aufführungen in den Jahren zwischen 1725 und 1749 hat Bach immer wieder Veränderungen vorgenommen. Die Bachforschung unterscheidet vier Fassungen. In der heutigen Aufführung erklingt die erste Fassung von 1724. Im Jahr 1739 wollte Bach seiner Johannespassion die endgültige Form geben und begann die Arbeit an einer autographen Reinschrift. Nach zwanzig Seiten bricht aus unbekannten Gründen die Arbeit an dieser Partitur, mitten im zehnten Satz ab. Trotz der unterschiedlichen Fassungen zeigt das Werk eine überraschend anhaltende Frische, Originalität und Experimentierfreude, und das, obwohl es von der Aura eine "unvollendeten" Werkes umgeben ist. In der Geschichte der Bachpflege stand die Johannespassion allerdings deutlich im Schatten der Matthäuspassion, deren Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn Bartholdy, 1829 in Berlin, sicher zu der unbestrittenen Sonderstellung der Matthäuspassion im Musikleben bis in die Gegenwart beigetragen hat. 
 
Abschließend möchte ich Hans Werner Henze zu Wort kommen lassen, der 1983 schrieb: 
 
"Es kommen ja in dieser Musik Dinge zur Sprache, die bis dahin mit Tönen zu sagen niemand gewagt,
niemand vermocht oder auch nur versucht hatte.
Mit einem Realismus sondergleichen ist da eine schmucklose Universalsprache entstanden ..." 
 
Torolf Müller
 

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