Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen

Warum sprechen uns Bachs Passionen auch heute noch so besonders stark an?

Schließlich war es damals Tradition, während der Karfreitagsvesper jeweils eine neue Passionsmusik zu Gehör zu bringen. So haben auch viele andere bedeutende Komponisten wie z.B. Heinrich Schütz, Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel die Passionsgeschichte vertont.

Was ist bei Bach anders? Über die Matthäus-Passion gibt es eine derartige Fülle von Literatur, von Mutmaßungen, Analysen und Theorien, dass damit Bücherschränke gefüllt werden können. Aber interessanterweise gibt nur sehr wenige Fakten. Wir wissen noch nicht einmal sicher, wann die Matthäus-Passion zum ersten Mal aufgeführt wurde: während der Karfreitagsvesper 1727 oder erst im Jahr 1729. In den Nachrichten der Stadt Leipzig wird nur erwähnt, dass in der Neuen Kirche eine Passion eines C. G. Fröber aufgeführt wurde. Erstaunlich ist auch, dass Bachs Matthäus-Passion, die heute als die bedeutendste aller Passionsvertonungen angesehen wird, noch zu Bachs Zeiten in Vergessenheit geriet und erst 100 Jahre später durch Felix Mendelssohn-Bartholdy wiederentdeckt wurde. War Bachs Matthäus-Passion für die damaligen Ohren zu neu, zu schwierig, zu opernhaft, zu lang?

Bei der Erstellung des Librettos zur Matthäus-Passion arbeitete Bach eng mit dem Leipziger Dichter Christian Friedrich Henrici, genannt Picander zusammen. Picander gliedert Kapitel 27 und 28 des Matthäus-Evangeliums in 15 Szenen und ergänzt sie durch Gedichte und der Gemeinde gut bekannte Lieder (Choräle). Die Musik war eingebettet in die Karfreitagsliturgie und wurde ergänzt durch eine einstündige Predigt zwischen dem ersten und zweiten Teil. Bach erzielt durch die Verteilung der Rollen im Passionsbericht und die Einbeziehung des Chors als Stimme des Volks eine bis dahin noch nie gehörte Dramatik.

Das Faszinierende ist, dass wir gar nicht genau analysieren müssen, welche kühnen Harmoniewendungen Bach in Rezitativen, Arien und Chorälen verwendet, um uns das Geschehen zu verdeutlichen. Wir dürfen einfach nur zuhören.

Bei den Arien entfaltet Bach z.B. einen schier unglaublichen Einfallsreichtum bei den unterschiedlichsten instrumentalen Begleitungen der Solisten. Jede Arie ist eigentlich ein kleines Konzert für sich. Die verschiedenen Klangfarben von Violinen, Flöten, Oboen, Viola da Gamba unterstreichen dabei den jeweiligen Arientext. Auch der Chor übernimmt mehrfach einen Part in diesen Arien. In geradezu opernhafter Realistik wird beispielsweise den Verrat des Judas und die Gefangennahme Jesu inszeniert. Im Duett beschreiben die Sopran- und die Alt-Solistin die Situation höchst eindringlich: „So ist mein Jesus nun gefangen“.  Der Chor der Gläubigen unterbricht dieses Duett immer wieder heftig mit den dramatischen Rufen „Lasst ihn, haltet, bindet nicht“.

Wenn das aufgewühlte Volk geradezu aufheult „Laß ihn kreuzigen“ spüren wir den Tumult. Der barocken Musiksprache entsprechend wird das Zerreißen des Vorhangs im Tempel musikalisch durch rasante Tonleitern und das Erdbeben plastisch mit schnellen Tonrepetitionen in der Continuo-Gruppe dargestellt. Erst beim Wort „die da schliefen“ kommt die Musik zur Ruhe.

Die Choräle waren Teil der Liturgie und gaben der Gemeinde Zeit, über das Geschehen nachzudenken. Bach fügt zwölf eigenständige Choräle ein und harmonisiert diese der Gemeinde vertrauten schlichten Lieder ungeheuer kühn. Das wurde von der damals noch nicht ständig von Medien beschallten Gemeinde sicherlich noch viel stärker empfunden, als wir das heute nachvollziehen können.

Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Von dem Gemeindelied „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ vertont Bach die erste Strophe ganz unterschiedlich zur wenig später erklingenden vierten Strophe. Die erste Strophe ist noch dem Text entsprechend schlicht gesetzt, in der vierten Strophe „Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe“, die unmittelbar auf die Forderung der aufgeregten Menge nach Jesu Kreuzigung folgt, wird das erste Wort dieser Frage („Wie“) mit einer scharfen Dissonanz vertont und weist auf die Ungeheuerlichkeit der Forderung  des Volkes hin. Ein Choral, der mit einem dissonanten Akkord beginnt! Das war für die damalige Gemeinde sicherlich „wunderbarlich“.

Bach bezieht die Gemeinde noch mit weiteren Chorälen in das Erleben der Passion ein: Gleich im monumentalen doppelchörigen Eingangschor ertönt der damals sehr bekannte Passionschoral „O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet“ über Chor 1 (Tochter Zion) und Chor 2 (Die fragenden Gläubigen). Seinen Gegenpart findet dieser mächtige Eingangschor in dem in einen Chorsatz kunstvoll eingearbeiteten Choral am Ende des ersten Teils „O Mensch, bewein dein Sünde groß“.

Die Matthäus-Passion endet mit einem schmerzlich dissonanten Akkord, der aber in einen ernsten seltsam leer klingenden c-moll Akkord mündet. Bach betont hier auch musikalisch: die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Komplexe Musik, die die ungeheuerliche Leidensgeschichte Christi überhöht und uns auch heute noch im Innersten berührt.

Dagmar Scherschmidt

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