J.S. Bach-Magnificat - C.Ph.E. Bach-Magnificat

 

Einführung zum Konzert am 11. Dezember 1994
  

Das Magnificat, der nach seinem Anfangswort benannte Lobgesang Marias, dessen Text dem ersten Kapitel des Lukas-Evangeliums entstammt, bildet seit dem 6. Jahrhundert den Höhepunkt der Vesper.
 
Nachdem es in der Renaissance zunehmend an Bedeutung gewann (Dufay, Obrecht, Palestrina, Monteverdi, Schütz, u.a.), wandten sich die Komponisten nach dem Ende des Barock nur noch in Ausnahmefällen dem Magnificat zu, so etwa Mozart und Mendelssohn Bartholdy, in neuerer Zeit Ernst Pepping. 

Das Konzert des heutigen Abends vereinigt nicht nur Magnificatvertonungen zweier Komponisten (J.S.Bach / C.Ph.E.Bach) , sondern auch zweier Kompositionsstile, die einer gänzlich anderen Musikauffassung entspringen. In der Kritik, die Johann Adolph Scheibe 1737 über J.S. Bach verfaßte, läßt sich der veränderte Zeitgeschmack wie in einem Brennspiegel ablesen:
 
„Dieser große Mann würde die Bewunderung gantzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, wenn er nicht seinen Stücken, durch ein schwülstiges und verworrenes Wiesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzu große Kunst verdunkelte." 
 
Damit sind die entscheidenden Stichworte gefallen. Während die Zeitgenossen den nicht immer sofort eingängigen und mit kunstvoller kontrapunktischer Konstruktion durchsetzten Werken Bachs nur noch wenig abgewinnen konnten, hatte die nachfolgende Komponistengeneration, in der Bachs Zweitältester Sohn Carl Philipp Emanuel eine herausragende Stellung einnimmt, Empfindsamkeit und Natürlichkeit des Ausdrucks zu ihren Maximen erklärt, was sich v.a. in einer einfacheren Oberstimmenmelodik mit schlichter harmonischer Begleitung niederschlug. So war Bach noch zu Lebzeiten ein Anachronismus und bereits sein eigenes Denkmal geworden, während andere ältere Komponisten wie Telemann und Händel sich nicht zu schade waren, dem neuen Zeitgeist Rechnung zu tragen und sich dem Publikumsgeschmack anzupassen.
 
Wer im 18. Jahrhundert vom „großen Bach" sprach, meinte nicht etwa den fast schon in Vergessenheit geratenen Johann Sebastian, sondern seinen Sohn Carl Philipp Emanuel, den auch die Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven, deren Tonsprache er wesentlich vorbereitet hatte, als großes Vorbild anerkannten.
 
„Er ist der Vater, wir sind die Bub'n.
Wer von uns was Recht's kann, hat von ihm gelernt"
(W.A. Mozart) 
 
Beiden Magnificat-Vertonungen gemeinsam ist die Grundtonart D-Dur, in der barocken Affektenlehre charakterisiert als die Tonart des Triumphes, der Freude und des Jubels.
 
Das Magnificat von J.S.Bach ist 1723 zu Weihnachten entstanden, kurz nach dessen Amtsantritt als Thomaskantor in Leipzig. Kennzeichnend ist insbesondere die prägnante Kürze und straffe Organisation des Werkes, das gänzlich auf die im Barock übliche schwerfälligere Da Capo-Arie verzichtet, an deren Stelle leichtere durchkomponierte Arien-Formen treten.
 
 
Das C.Ph.E Bachsche Magnificat, 1749 in Berlin komponiert, als dieser das Amt des Hofcembalisten bei Friedrich dem Grossen innehatte, war möglicherweise als Bewerbungsstück um die Nachfolge des Thomaskantorats in Leipzig gedacht, wo es noch zu Lebzeiten des 1750 verstorbenen Vaters aufgeführt wurde. Auch wenn es nicht völlig auf polyphone Elemente verzichtet, der Schlußsatz ist sogar als Doppelfuge konzipiert, verleugnet es doch nie einen spielerischen, leichtfüßigen Duktus. 
 
                         Thomas Krehahn

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