Georg Friedrich Händel: Ein Weltstar

Georg Friedrich Händel (*1685 in Halle, † 1759 in London) wird heute als einer der einflussreichsten und berühmtesten Komponisten angesehen.

Sein Vater, Leibchirurgus und Geheimer Kammerdiener in Halle, stand den musikalischen Ambitionen seines Sohnes zunächst ablehnend gegenüber. Eine Anekdote besagt sogar, dass der Vater seinem kleinen Sohn jegliches Üben verbieten wollte, dieser aber trotzdem nachts heimlich unter dem Dach auf einem Clavichord übte. Tatsache ist aber, dass Herzog Johann Adolf I. von Sachsen-Weißenfels das Talent des damals 8-jährigen Händel entdeckte und den Vater schließlich überzeugen konnte, seinen Sohn als Musiker ausbilden zu lassen. Das Kind bekam darauf hin in Halle fundierten Unterricht und lernte Oboe, Violine, Cembalo und Orgel. Als der Herzog von Magdeburg ihn im Alter von 12 Jahren spielen hörte, war er von seinem Talent so begeistert, dass er ihn sofort nach Italien zum Musikstudium schicken wollte. Italien war damals das Mekka für Musiker schlechthin: Dorthin reisten die Komponisten aus ganz Europa zur Weiterbildung.

Neun Jahre später bereiste Händel tatsächlich Italien, studierte dort vier Jahre lang die neuesten musikalischen Entwicklungen, komponierte Instrumentalmusik, Kantaten und feierte mit seinen Opern Rodrigo und Agrippina in Florenz und Venedig grandiose Erfolge. Das sprach sich schnell herum und verschaffte ihm die Stelle eines Hofkapellmeisters beim Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, dem späteren englischen König George I. Im Gepäck hatte er einen großen Schatz an eigenen Kompositionen. Dank seines genialen kompositorischen Geschicks und dieses Vorrats an Melodien und Ideen war es ihm möglich, später immer wieder innerhalb nur weniger Wochen neue Opern und Oratorien zu komponieren. Messiah wurde sogar in weniger als vier Wochen komponiert!

Von Hannover aus zog es ihn 1712 nach London, das damals das kulturelle Zentrum von Europa war. Hier konnte mit Musik Geld verdient werden. Heute würde man sagen: Er wurde Opernunternehmer und war als solcher neben seiner kompositorischen Tätigkeit mit allen Schwierigkeiten konfrontiert, die ein Opernbetrieb mit sich bringt. Es galt, immer wieder unter Zeitdruck neue Opern herauszubringen, gute Solisten zu engagieren, Proben zu leiten, Sponsoren zu finden, mit Konkurrenten und Neidern fertig zu werden, Krisen zu überwinden sowie Streitigkeiten und Intrigen zu schlichten.

Händel war in London nicht unumstritten. Sein Erfolg beruhte in den ersten 20 Jahren hauptsächlich auf Opernkompositionen in italienischer Sprache. Nach der Aufführung von The Beggar’s Opera von Johann Christoph Pepusch in englischer

Sprache im Jahr 1728,  die zudem noch Händels Opern karikierte, nahm das Interesse an italienischen Opern allerdings zunehmend ab. Händel war in Geldnöten. 1737 erlitt er einen massiven gesundheitlichen Zusammenbruch mit Lähmungen, von dem er sich aber wieder erholen konnte. Er passte sich dem neuen Zeitgeschmack an und wandte sich nun neben der Komposition von Instrumentalmusik  auch geistlicher Chormusik in englischer Sprache zu. Das Oratorium Messiah war Händels sechstes geistliches Werk.

 

Die Idee, ein Werk über Jesus Christus zu schreiben, stammte von seinem Librettisten Charles Jennens. Dieser benutzte Texte aus dem Alten und Neuen Testament sowie Passagen aus dem Gebetbuch der anglikanischen Kirche. Händel war zunächst nicht begeistert von Jennens Libretto. Als er jedoch vom irischen Vizekönig die Einladung erhielt, ein Oratorium für eine Wohltätigkeitsveranstaltung in Dublin zu komponieren, ging ihm die Arbeit schnell von der Hand. Die Uraufführung im Jahr 1742 wurde in Dublin enthusiastisch gefeiert. Die Aufführung in England ein Jahr später war viel problematischer: Ein Oratorium mit Bibelzitaten im Covent Garden Theatre aufzuführen wurde vom Londoner Publikum zunächst als blasphemisch abgelehnt. Aber der Siegeszug des Messiah war nicht aufzuhalten: Besonders die vielen von Händel selbst dirigierten jährlich stattfindenden Benefizaufführungen des Messiah in der Kapelle des Foundling Hospital, einem Heim für Findelkinder in unmittelbarer Nachbarschaft von Händels Wohnhaus, machten das Werk endgültig berühmt. Aufführungen in Florenz, New York, Berlin und Kalkutta und Stockholm folgten. Händels Messiah hat auch heute noch eine ungebrochen begeisterte Zuhörerschaft weltweit.

Vom Aufbau her ähnelt das Werk einer Oper, ohne dass darin allerdings Personen auftreten. Das Oratorium besteht aus drei Teilen: Im ersten Abschnitt steht die Geburt des vom Propheten Jesaja angekündigten Messias im Mittelpunkt, der zweite Teil handelt von Passion und Himmelfahrt, der dritte vom Jüngsten Gericht und der Erlösung.

Die Sprache spielt im Messiah eine sehr wichtige Rolle. Keine Textzeile, kein Komma wird von Händel musikalisch vernachlässigt. Das vom Chor gesungene Bibelzitat des Propheten Jesaja Denn es ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben ist beispielsweise in zwei Teile geteilt. Nach einer instrumentalen Einleitung singen jeweils zwei Chorstimmen duettartig elegante Koloraturen. Nach dem Semikolon ändert sich die Musik: Gemeinsam deklamiert der Chor Wunderbar! Herrlicher!... .

Die darauf folgende Hirtenmusik leitet die Weihnachtsgeschichte ein: den Hirten auf dem Feld wird die Geburt des Herrn durch die Engel verheißen. Diese Passage ist übrigens die einzige im Oratorium, die direkt von der Geburt Christi erzählt, ohne jedoch den Stall und die Krippe zu erwähnen. Auch hier deutet Händel die Worte des Lukas-Evangeliums sorgfältig aus: Im Accompagnato Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott hören wir das durch die schnellen Streicherpassagen ausgedrückte Flattern der Engelsflügel. Die Engel deklamieren daraufhin gemeinsam: Ehre sei Gott in der Höhe, strahlend unterstützt vom Klang der Trompeten. In deutlichem Kontrast hierzu bitten die Männerstimmen mit einer schlichten absteigenden Oktave gemeinsam um Fried auf Erden. Im Orchesternachspiel dieses Chors hören wir die Engel dann förmlich wieder wegfliegen.

Händel sieht in seiner Partitur nur Streicher, Oboe, Basso continuo, Trompeten und Pauke vor. Aber auch hier wurde, wie wir aus Abrechnungen und Korrespondenzen wissen, geändert und angepasst, je nachdem, welche Instrumente gerade zur Verfügung standen. Vieles war für Musiker damals auch einfach zu selbstverständlich, um notiert zu werden. Es gibt also keine „authentische“ Version des Messiah. Die ausdrückliche Erwähnung von Trompeten in der Partitur ist deshalb besonders interessant: Dieses Instrument wurde von Händel bewusst ausgesprochen sparsam eingesetzt, um damit eine umso größere Wirkung zu erzielen.

Ungekürzt dauert Messiah etwa zweieinhalb Stunden. Eine Legende besagt, dass König George II bei der ersten Aufführung in London im Jahr 1743 eingenickt sei und bei den Trompetenfanfaren des Hallelujah aufgesprungen sei, woraufhin sich das gesamte Publikum der Etikette folgend auch habe erheben müssen. Wir wissen nicht, ob König George II überhaupt bei der Aufführung anwesend war.  Die englische Tradition, beim Hallelujah-Chor aufzustehen, wird jedoch bereits erstmals in einem Brief aus dem Jahr 1756 erwähnt, also drei Jahre vor Händels Tod. Legende oder Wahrheit: Auch heute noch hören viele Engländer traditionsgemäß den Halleluja Chor stehend an.

Händel starb am 14. April 1759. Sein Vermögen vermachte er dem Foundling Hospital. Er wurde seinem Wunsch entsprechend in der Westmister Abbey beigesetzt und dort mit einem Denkmal geehrt.

Im Universal Chronical vom 28. April 1759 lesen wir:

„Es soll ihm ein Denkmal errichtet werden, das seine Werke zweifellos überdauern wird“.

 

Dagmar Scherschmidt

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