Edward Elgar -The Dream of Gerontius, op. 38

Zur Entstehungsgeschichte und Bedeutung

Elgars „The Dream of Gerontius“ wird heute als die bedeutendste Oratorienkomposition des englischsprachigen Raums nach Händel gewertet. Musikologen messen dem Werk eine Schlüsselrolle in der Geschichte der englischen Musik des 19 und beginnenden 20. Jahrhunderts bei, es steht aber auch beim britischen Publikum in der Beliebtheitsskala aller Chorwerke an zweiter Stelle nach Händels „Messias“.

Das hierzulande selten zu hörende Werk hatte jedoch in seiner Entstehungsphase und nach seiner Uraufführung im Jahre 1900 zunächst einige Hürden zu nehmen, bis ihm diese uneingeschränkte Hochachtung zuteil wurde. England blickt auf eine lange und große Chortradition zurück. Im 19. Jahrhundert war großbesetzte Chormusik mit Orchester die wichtigste und beliebteste Gattung, Oper hingegen wurde geradezu abgelehnt. Vielleicht resultierte diese geschmackliche Vorliebe aus der streng kirchlichen, moralisch sittlichen und konservativen Einstellung des bürgerlichen Publikums. Sicher hatte aber auch die musikalische Prägung durch Händel dafür gesorgt, dass Oratorien bei den alljährlichen, zahlreichen und renommierten Musikfestivals des Landes den Hauptprogrammpunkt bildeten Als Höhepunkt eines jeden Musikfestivals galt die Aufführung von Händels „Messias“, der maßstabsetzend und stilbildend zugleich wirkte. Bezeichnend ist, dass Oratorien nichtbritischer Komponisten die Werke einheimischer Tonsetzer an Beliebtheit und Wertschätzung bei weitem übertrafen. So bestimmten neben Händels „Messias“ und Mendelssohns „Elias“, welche jahrzehntelang als klassische Vorbilder dienten, die Chorwerke Haydns, Beethovens, Spohrs, Dvoraks und Gounods die populärsten und erfolgreichsten Aufführungen der Musikfestivals. Vor diesem Hintergrund kommt der Vergabe eines Kompositionsauftrags vor mehr als hundert Jahren - im November 1898 - seitens des Birmingham Musical Festivals an Edward Elgar besondere Bedeutung zu.

Elgar führte als Autodidakt aus der Provinz und zudem noch als Katholik bis zu seinen erstmals größeres Interesse weckenden Oratorien „Light of Life“ op. 29 und“ King Olaf“ op. 30 (beide 1896) eher ein Außenseiterdasein, abseits der etablierten englischen Komponisten. Das Birmingham Musical Festival hingegen gehörte mit seiner Geschichte, die bis in das Jahr 1768 zurückzuverfolgen ist, und einer beeindruckenden Uraufführungsliste (u. a. Mendelssohns „Elias“ im Jahre 1846) zu den wichtigsten Festivals Großbritanniens. Folglich nahm Elgar den Auftrag dankbar an, kam aber zunächst über verschiedene thematische Entwürfe nicht hinaus. So dachte er zuerst an ein Oratorium über die Christianisierung Englands, ein Thema, welches die Festspielleitung jedoch ablehnte. Daraufhin befasste er sich gedanklich mit der Vertonung der Apostelgeschichte. Die Arbeit an seinen „ Enigma-Variationen“, die 1899 mit großem Erfolg uraufgeführt wurden, beanspruchte aber so viel Zeit, dass er feststellen musste, binnen des verbleibenden knappen Jahres ein so aufwändiges Vorhaben nicht mehr realisieren zu können. Im Dezember gab er den Auftrag an das Festival zurück.

Als daraufhin der Vorsitzende des Festivalkomitees bei einer Zusammenkunft mit Elgar am Neujahrstag 1900 Cardinal John Henry Newmans seinerzeit bekanntes Gedicht“ The Dream of Gerontius“ zur Vertonung vorschlug - vielleicht, weil Newman dieses Gedicht im Januar 1865 in Birmingham fertiggestellt hatte und dort auch 1890 gestorben war -, schien er Elgars Inspiration von neuem entfacht zu haben. Denn Elgar kannte das mystische und visionäre Werk bereits seit mehr als zehn Jahren, er bewunderte es sehr und hatte sich schon wiederholt mit dem Gedanken einer Vertonung getragen. Nebenbei sei an dieser Stelle bemerkt, dass Antonin Dvorak bereits 1888 Newmans Gedicht für das Birmingham Festival vertonen wollte. Diesen Vorschlag lehnte die Festspielleitung zu diesem Zeitpunkt jedoch ab, weil sie die Textvorlage als zu katholisch empfand. Seine Vertonung des „Dream of Gerontius“ bezeichnete Edward Elgar selbst schon bei der Fertigstellung als sein bestes und der Erinnerung würdiges Werk. Umso deprimierter war er, als das Werk bei seiner qualitativ mangelhaften Uraufführung am 3. Oktober 1900 unter der Leitung Hans Richters nicht die erhoffte Zustimmung erfuhr.

Erst die deutsche Erstaufführung am 19.12.1901 in einem Abonnementkonzert des Musikvereins - 2 - Düsseldorf stellte Elgar sowohl musikalisch als auch in bezug auf den Publikumserfolg zufrieden. Wegen der positiven Resonanz wurde das Werk in das Programm des Niederrheinischen Musikfestes aufgenommen und dort am 19.5.1902 bejubelt. Der bei diesem Konzert anwesende Richard Strauss bezeichnete Elgar daraufhin anerkennend als den „ersten englischen Fortschrittler“. Die Wertschätzung des Werkes wuchs in den folgenden Jahren stetig. Nach 1903 verdrängte der „Gerontius“ den traditionell als Eröffnungsstück des „Three Choirs Festival“ aufgeführten „Elias“. Elgar sollte schon bald das Ansehen des wichtigsten Komponisten der britischen Insel seit Händel genießen.

Zum Inhalt des Werkes

Elgar kürzte Newmans ca. 900 Zeilen umfassendes Gedicht um etwa die Hälfte und gliederte die ursprünglich sieben Abschnitte in zwei Teile Dabei übernahm er den ersten Abschnitt (der sterbende Gerontius im Diesseits, quasi als Prolog) kaum gekürzt als ersten Teil. Die folgenden sechs Abschnitte (Gerontius im Jenseits) fasste er zum zweiten Teil zusammen, wodurch sich zwar eine Verschiebung der inhaltlichen Gewichtung, nicht jedoch eine Veränderung des Handlungsverlaufs ergab. Die Figur des Gerontius (Tenor) steht für den alternden, sterbenden Menschen schlechthin (der griechische Wortstamm bedeutet „alter Mann“), Gerontius ist keine historische Figur, kein Heiliger, sondern ein einfacher Mann. Als er seinen nahen Tod fühlt, bittet er seine um ihn versammelten Freunde (Chor), für ihn zu beten. Nach einem kurzen Augenblick der Todesangst entschläft Gerontius friedlich, und ein Priester (Bass) beginnt das Gebet „Proficiscere, anima Christiana“ (Ende des ersten Teiles).

Im zweiten Teil begegnet die Seele des Gerontius seinem Schutzengel (Mezzosopran), der ihn durch die verschiedenen Regionen des Jenseits zu Gott führt. Zunächst treffen sie im Vorhof des himmlischen Gerichts auf die Dämonen der Unterwelt (Chor), schließlich im Innern des Gerichts auf Engelschöre. Nach der Fürsprache des Todesengels (Bass) wird die Seele für einen kurzen Moment Gottes gewahr. Dieser dramatische Höhepunkt ist von Elgar musikalisch in einer großräumigen Entwicklung von Beginn des zweiten Teiles an vorbereitet und in einem überdimensionalen Crescendo, einem stetigen Aufstieg bis zum Höchsten eindrucksvoll angelegt. Er mündet schließlich in ein überirdisch ruhendes Finale, in dem sich der Schutzengel verabschiedet, die Seele des Gerontius in die Ewigkeit eintritt und die Seelen im Fegefeuer den 90. Psalm „Herr, Du bist unsere Zuflucht für und für“ beten.

Newmans Text ist eine Mischung aus eigener Dichtung und ins Englische übertragener katholischer Sterbelitanei. Elgar differenziert diese beiden Textebenen, indem er neben dem Hauptchor, der an der dramatischen Handlung beteiligt ist, einen möglichst entfernt aufzustellenden Kammerchor vorschreibt, der vorwiegend die liturgischen Textpassagen wiedergibt. Elgar vertonte mit Newmans Gedicht keinen alttestamentarischen Bibelstoff, wie es für Oratorien der Zeit üblich war, machte weder historische noch biblische Gegebenheiten, sondern auf übergeordneter Ebene Transzendenz und Mystik zum Thema seines Werkes und entsprach damit nicht der Erwartung des Publikums nach unterhaltender Erbauung. Auch gab er eine strenge formale Satzgliederung zugunsten zweier durchkomponierter Teile auf und setzte das Orchester in für damalige Verhältnisse ungewöhnlich expressiver Weise ein. Deutlich von Richard Wagner und hier insbesondere von dessen „Parsifal“ inspiriert, arbeitete er mit Leitmotivtechnik Auch der verhalten schlichte Schluß des Werkes lief traditionellen Erwartungen entgegen. Kein Wunder also, daß der „Gerontius“ bei dem damaligen Publikum zunächst auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Die musikalische Abkehr von allen klassischen Vorbildern und Konventionen kennzeichnet jedoch Elgars Suche nach einem neuen progressiven Oratorienstil und nach eigener musikalischer Individualität.

Rückbetrachtend steht sein „Gerontius“ wegweisend nicht nur zeitlich an der Schwelle zum modernen englischen Oratorium des 20. Jahrhunderts.

Birgit Glaner

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