Schlummernde Töne - Gedanken zur Uraufführung von „Hymnen an die Nacht“ von Dirk-Michael Kirsch

Als musikalisch vorbelastete Konzerthörerin – 8 Jahre Musikstudium, davon überwiegend Beschäftigung mit Neuer Musik - habe ich meinen eigenen Umgang mit Neuer Musik und grundsätzlich großes Interesse an Uraufführungen. Intellektuelle Neugier und der Reiz unvertrauter Strukturen und Klänge ist ein Aspekt; die Thematik der Vergänglichkeit, mit der ich mich selbst in vielen musikalischen Werken auseinandergesetzt habe, ein weiterer. Die Verbindung von Neuer Musik mit moderner Lyrik ist ebenfalls etwas, das mich seit Jahrzehnten selbst beschäftigt. Also ging ich mit großen Erwartungen in dieses Konzert.

Worauf ich nicht vorbereitet war, war die epische Größe der „Hymnen an die Nacht“, verbunden mit einer unglaublichen Komplexität der Komposition. Das wirklich Erstaunliche aber war und ist für mich die Verständlichkeit und Unmittelbarkeit, mit der das Werk zum Hörer, ob mit oder ohne Vorbildung, spricht und ihn mitnimmt in Sehnsuchtswelten, die weit jenseits von Kompositionsstrukturen und Formalismen liegen. Noch immer höre ich den eindringlichen Sprechertexten nach, die sich aus dem Klangteppich des Orchesters herauswinden und Begriffe wie Unendlichkeit und Ewigkeit, Licht und Dunkelheit fast körperlich erfassbar machen. Noch immer klingen die dichten, klangmalerischen Chorsätze nach und die überirdischen Solopassagen, die den Gedichten von Else Lasker-Schüler und Georg Heym in ihrer ganzen Emotionalität gerecht werden, ohne einen Hauch von Kitsch oder Sentimentalität. 

Irgendwann während des Konzerts kapitulierte mein intellektueller, stets um Kontrolle und Erkenntnis bemühter Musikergeist und hörte auf, in Kategorien wie 7/4- Takten, Instrumentierungsfeinheiten und wieder gefundenen Bach-Zitaten zu denken. Das Werk hat mich als ganzen Menschen erfasst, tief ergriffen und stellenweise buchstäblich zu Tränen gerührt. Der Schlusssatz „Ich zieh in die Ewigkeit“  aus dem Gedicht „Das Totenschiff“ von Georg Heym begleitete mich aus diesem Konzert, ich trage ihn noch immer mit mir als ein wertvolles Geschenk.

Patricia Schuster, Essen

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